PAIR/UNPAIR
MARGRET HOPPE UND SEBASTIAN STUMPF
28. November 2026 – 6. Februar 2027
Eröffnung: Samstag, 28. November 2026, 15 Uhr, 15.30 Uhr, KünstlerInnengespräch mit Dr. Barbara Scheuermann, Kunstmuseum Bonn
Mit PAIR/UNPAIR präsentiert Parrotta Contemporary auf Burg Lede in Bonn die Arbeiten von Margret Hoppe und Sebastian Stumpf. Beide Künstler setzen sich fotografisch mit der Architektur der Moderne und ihrer Beziehung zum Menschen auseinander. Im Zentrum steht die Frage, wie sich das Verhältnis von Körper, Raum, gebauter Umwelt, Geschichte und Erinnerung neu erfahren lässt.
Verbunden sind Hoppe und Stumpf nicht nur durch diese gemeinsame Fragestellung, sondern auch durch ihre Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Timm Rautert, in dessen fotografischer Klasse beide Meisterschüler waren. Gemeinsam setzen sie sich bereits im Projekt Reflective Architecturemit exzentrischer Architektur der Moderne auseinander: 2016 mit Le Corbusiers Mill Owners’ Association in Ahmedabad, Indien und 2022 mit dem Leipziger Bowlingtreff als postmoderner sozialistischer Architektur der 19080er Jahre in der DDR. Die Projekte untersuchen jeweils, wie sich ideologisch aufgeladene architektonische Räume durch fotografische und mediale Interventionen reflektieren lassen. Die Auseinandersetzung mit Fotografie als eigenständiger künstlerischer Praxis, mit dem Verhältnis von Dokumentation und Konstruktion sowie mit der spezifischen Geschichte und Gegenwart moderner Architektur bildet damit einen wichtigen gemeinsamen Hintergrund ihrer Arbeiten.
Die Architektur der Moderne formulierte den Anspruch, den Lebensraum des Menschen grundlegend neu zu gestalten. Ihre klaren Formen, offenen Strukturen und funktionalen Prinzipien sollten neue Formen des Wohnens und Zusammenlebens ermöglichen. Hoppe und Stumpf setzen an diesem Verhältnis von architektonischer Idee und menschlicher Erfahrung an, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven: Hoppe untersucht Architektur als historischen und gesellschaftlichen Erinnerungsraum, Stumpf begegnet ihr unmittelbar mit dem eigenen Körper. Bei beiden wird der Mensch zum Maßstab, an dem sich Architektur wahrnehmen, erfahren und hinterfragen lässt.
PAIR/UNPAIR beschreibt dabei eine Bewegung zwischen Verbindung und Trennung, Wiederholung und Abweichung, Anwesenheit und Abwesenheit. Was als Paar erscheint, kann sich wieder voneinander lösen; was zunächst getrennt wahrgenommen wird, kann durch den Blick in Beziehung treten. In diesem Spannungsfeld begegnen sich die Arbeiten von Margret Hoppe und Sebastian Stumpf.
Margret Hoppe
Im Mittelpunkt von Margret Hoppes (*1981 in Greiz) Arbeit steht Architektur als Träger von Geschichte und Erinnerung. Besonders beschäftigt sie sich mit Bauten der Moderne und deren wechselvoller Geschichte. Ihre Fotografien zeigen nicht nur Gebäude, sondern fragen danach, welche gesellschaftlichen Vorstellungen, politischen Brüche und menschlichen Spuren sich in ihnen erhalten haben.
Ausgangspunkt der für PAIR/UNPAIR entstandenen Arbeiten ist Hoppes Residenz an der Stiftung Bauhaus Dessau 2024. Die Meisterhäuser, in denen die Ideen der Moderne unmittelbar mit dem alltäglichen Leben ihrer Bewohner verbunden waren, führten sie zur Auseinandersetzung mit Wiederholung, Spiegelung und Verdoppelung. Zwei historische Fotografien der Meisterhäuser – von Lucia Moholy aus dem Jahr 1926 und Benjamin Subtil von 1998 – bilden wichtige Bezugspunkte.
Hoppe greift diese fotografische Geschichte auf und entwickelt daraus eine eigene Bildsprache. Durch die Drehung des Kamerarückteils um 90 Grad entstehen Doppelbelichtungen, in denen unterschiedliche Ansichten zu neuen Bildräumen verschmelzen. Andere Fotografien treten über formale oder räumliche Beziehungen miteinander in Verbindung. Es entstehen Paare, die zugleich durch Einzelbilder wieder aufgebrochen werden.
Pair und unpair werden so zu einem Prinzip der Wahrnehmung: Ähnlichkeit schafft Verbindung, Abweichung erzeugt Distanz. Vergangenheit und Gegenwart, Original und Wiederholung, Architektur und menschliche Wahrnehmung überlagern sich. Die Fotografien machen sichtbar, dass auch die vermeintlich klare und rationale Formensprache der Moderne immer durch den Blick und die Nutzung des Menschen geprägt wird.
Margret Hoppe, a.d.S. Pair / Unpair, Staircase III, Bauhaus Dessau, 2024, c-print, 70 × 60 cm, Auflage 5 + 2 A.P.
Sebastian Stumpf
Sebastian Stumpfs (*1980 in Würzburg) Werkgruppe L’acrobate de la forme (2016/2026) bildet den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung. In 15 C-Prints untersucht Stumpf das Verhältnis von Körper und gebautem Raum. Sein eigener Körper wird zum Instrument, mit dem er architektonische Strukturen erkundet und ihre vorgesehenen Funktionen vorübergehend verändert.
Wände, Säulen, Mauern, Durchgänge oder Vorsprünge werden zu Ausgangspunkten für akrobatische Handlungen. Der Künstler bewegt sich durch die Architektur und entwickelt aus ihren Formen Situationen körperlicher Spannung. Die Kamera hält diese flüchtigen Aktionen fest und verwandelt Bewegung in fotografische Komposition. Architektur erscheint dabei nicht als statische Kulisse, sondern als Raum, der durch den menschlichen Körper unmittelbar erfahrbar wird. Im Auftrag des Mies van der Rohe House, Berlin entstand 2018 die Serie „Barcelona Chairs“ im Deutschen Parlament. Hier schwingt sich der Künstler innerhalb einer hochstilisierten, gläsernen Architektur in gekonnten Sprüngen über Reihen der Stuhl-Ikone. Er bringt damit eine belebende Dynamik und eine Portion Non-Konformismus in eine symbolisch erstarrte Situation.
Eine andere Perspektive auf das Verhältnis von Architektur und seiner Nutzung durch den Menschen, zeigen Stumpfs Fotografien des Thomas-Mann-Hauses in Pacific Palisades von 2017. Das von Julius Ralph Davidson entworfene Haus steht exemplarisch für die amerikanische Moderne und war von 1942 bis 1952 Wohnort Thomas Manns und seiner Familie im Exil. Stumpf fotografierte das Anwesen kurz nach dem Erwerb durch die Bundesrepublik Deutschland, als es leer stand und sich in einem Übergangszustand befand, der wesentlich stärker durch die Natur als durch die Architektur geprägt war.
Während der Körper in L’acrobate de la forme den Raum unmittelbar aktiviert, ist er im Thomas-Mann-Haus abwesend. Die Architektur wird zum stillen Träger von Erinnerung und verweist auf eine vergangene Form des Wohnens und Lebens. In beiden Werkgruppen interessiert Stumpf, wie der Mensch sich Raum aneignet – durch Bewegung, Nutzung, Erinnerung oder seine Abwesenheit.
Sebastian Stumpf, L’acrobate de la forme, 2016/2026, 15 C-Prints je 24 × 36 cm, Auflage 5 + 2 A.P.
PAIR/UNPAIR
MARGRET HOPPE AND SEBASTIAN STUMPF
28 November 2026 – 6 February 2027
Opening: Saturday, 28 November 2026, 3 pm
3:30 pm: Artist talk with Dr Barbara Scheuermann, Kunstmuseum Bonn
With PAIR/UNPAIR, Parrotta Contemporary presents works by Margret Hoppe and Sebastian Stumpf at Burg Lede in Bonn. Both artists use photography to explore modernist architecture and its relationship to the human being. At the centre of their work is the question of how the relationship between body, space, the built environment, history, and memory can be experienced anew.
Hoppe and Stumpf are connected not only by this shared line of inquiry, but also by their education at the Academy of Visual Arts Leipzig, where they both studied in Timm Rautert’s photography class and completed their postgraduate studies as Meisterschüler. They have already jointly explored the eccentric architecture of modernism in the Reflective Architecture project: in 2016, focusing on Le Corbusier’s Mill Owners’ Association building in Ahmedabad, India, and in 2022, on Leipzig’s Bowlingtreff, an example of postmodern socialist architecture from the 1980s in the GDR. In each project, they investigate how ideologically charged architectural spaces can be reflected upon through photographic and media interventions. Their engagement with photography as an autonomous artistic practice, with the relationship between documentation and construction, and with the specific history and present of modern architecture thus forms an important common ground for their work.
Modernist architecture aspired to fundamentally reshape the spaces in which people live. Its clear forms, open structures, and functional principles were intended to enable new ways of living and coexisting. Hoppe and Stumpf take this relationship between architectural ideas and human experience as their point of departure, albeit from different perspectives: Hoppe explores architecture as a historical and social space of memory, while Stumpf encounters it directly through his own body. In both practices, the human being becomes the measure through which architecture can be perceived, experienced, and questioned.
PAIR/UNPAIR describes a movement between connection and separation, repetition and deviation, presence and absence. What appears as a pair can once again come apart; what is initially perceived as separate can be brought into relation through the act of looking. It is within this field of tension that the works of Margret Hoppe and Sebastian Stumpf encounter one another.
Margret Hoppe
At the centre of Margret Hoppe’s (*1981 in Greiz) practice is architecture as a bearer of history and memory. She is particularly interested in modernist buildings and their complex and changing histories. Her photographs do not simply depict buildings; rather, they ask which social ideas, political ruptures, and traces of human presence have been preserved within them.
The works created for PAIR/UNPAIR originated in Hoppe’s 2024 residency at the Bauhaus Dessau Foundation. The Masters’ Houses, where the ideas of modernism were directly intertwined with the everyday lives of their inhabitants, led her to explore repetition, reflection, and doubling. Two historical photographs of the Masters’ Houses—one by Lucia Moholy from 1926 and one by Benjamin Subtil from 1998—serve as important points of reference.
Hoppe takes up this photographic history and develops it into her own visual language. By rotating the camera back by 90 degrees, she creates double exposures in which different views merge into new pictorial spaces. Other photographs enter into dialogue through formal or spatial relationships. Pairs emerge that are simultaneously disrupted and opened up again by individual images.
Pair and unpair thus become a principle of perception: similarity creates connection, while deviation produces distance. Past and present, original and repetition, architecture and human perception overlap. The photographs make visible the fact that even the seemingly clear and rational formal language of modernism is always shaped by the human gaze and by the ways in which people inhabit and use architecture.
Margret Hoppe, a.d.S. Pair / Unpair, Staircase III, Bauhaus Dessau, 2024, C-print, 70 × 60 cm, edition of 5 + 2 A.P.
Sebastian Stumpf
Sebastian Stumpf’s (*1980 in Würzburg) body of work L’acrobate de la forme (2016/2026) forms the exhibition’s second focal point. In 15 C-prints, Stumpf explores the relationship between the body and built space. His own body becomes an instrument with which he investigates architectural structures and temporarily alters their intended functions.
Walls, columns, masonry, passageways, and projections become starting points for acrobatic actions. The artist moves through architecture, developing situations of physical tension from its forms. The camera captures these fleeting actions and transforms movement into photographic composition. Architecture thus appears not as a static backdrop, but as a space that becomes immediately tangible through the human body.
Commissioned by the Mies van der Rohe House in Berlin, the series Barcelona Chairs was created in 2018 in the German Parliament. Within a highly stylised glass architecture, the artist performs skillful jumps over rows of the iconic chairs. In doing so, he introduces a sense of invigorating dynamism and a measure of nonconformity into a symbolically rigid situation.
Another perspective on the relationship between architecture and its use by people is offered by Stumpf’s photographs of the Thomas Mann House in Pacific Palisades from 2017. Designed by Julius Ralph Davidson, the house is exemplary of American modernism and was the home of Thomas Mann and his family in exile from 1942 to 1952. Stumpf photographed the property shortly after its acquisition by the Federal Republic of Germany, when it stood empty and was in a transitional state, one shaped considerably more by nature than by architecture.
While the body directly activates space in L’acrobate de la forme, it is absent from the Thomas Mann House. Architecture becomes a silent bearer of memory, pointing to a bygone form of living and dwelling. In both bodies of work, Stumpf is interested in how human beings appropriate space—through movement, use, memory, or their absence.