TIMM RAUTERT
FRÜHER ODER SPÄTER
GALERIE BURG LEDE BONN 12. SEPTEMBER – 14. NOVEMBER 2026
AUS ANLASS DES 85. GEBURTSTAGS DES KÜNSTLERS FINDET DIE
ERÖFFNUNG SAMSTAG, 12. SEPTEMBER 2026, 16 UHR MIT APÉRO STATT.
16.30 UHR EINFÜHRUNG IN DIE AUSSTELLUNG DURCH TIMM RAUTERT
„ Es ist das Paradox aller Rezeption,
daß der nichts erfährt, der noch nichts
erfahren hat.“ Hans Blumenberg
ARTIST TALK
TIMM RAUTERT IM GESPRÄCH MIT STEFAN KOLDEHOFF
GALERIE BURG LEDE BONN SONNTAG, 11. OKTOBER 2026, 15 UHR
Stefan Koldehoff, ist Kunstkritiker und Kunstmarktexperte. Er arbeitet als Chefreporter Kultur für die drei Programme und das Digitalangebot des Deutschlandradios und schreibt unter anderem für art und DIE ZEIT.
PRESSEMITTEILUNG
TIMM RAUTERT
FRÜHER ODER SPÄTER
Es gibt dieser Tage gleich zwei Anlässe, dem Fotografen Timm Rautert zu gratulieren. Mit der Ausstellung feiert die Galerie Parrotta Contemporary Art auf Burg Lede den 85. Geburtstag des Künstlers. Darüber hinaus wird Timm Rautert am 24. Oktober im Ausstellungszeitraum der Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) für sein Lebenswerk verliehen. Der Kulturpreis ist die höchste Auszeichnung der DGPh. Er wird seit 1958 jährlich an Persönlichkeiten verliehen, die sich in herausragender Weise um die Fotografie verdient gemacht haben. Die DGPh würdigt damit “ein Lebenswerk, das dokumentarische Genauigkeit mit konzeptueller Tiefe verbindet und eine Persönlichkeit, die die deutsche Fotografie über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat – mit seinem fotografischen Werk, durch seine journalistische Arbeit und durch seine Lehrtätigkeit als Professor für Fotografie.”
Aus Anlass seines 85. Geburtstags ist vom 12. September bis 14. November 2026 auf Burg Lede in Bonn eine sehr persönliche Ausstellung des Künstlers zu sehen. Timm Rautert (*1941) zählt zu den prägendsten deutschen Fotografen seiner Generation. Sein Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Dokumentarfotografie, konzeptueller Kunst und Bildanalyse und hat die Fotografie als bildkünstlerisches Medium nachhaltig geprägt. In der Ausstellung verbindet er frühe Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 1960er-Jahren mit neuen, autobiografisch geprägten Arbeiten und reflektiert über Erinnerung und die Bedeutung von Bildern innerhalb des Prozesses von Wirklichkeitskonstruktion. Fotografien und Installationen treten dabei in einen Dialog zwischen persönlicher Erinnerung, Kunstgeschichte und gesellschaftlicher Gegenwart.
SOME PICTURES FROM MY NOTEBOOK
Analoge Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem New York der 1960er Jahre treffen in harten Schnitten aufeinander. Unter dem lakonischen Titel Some Pictures from my Notebook rekapituliert Timm Rautert aus der Distanz den Beginn seiner fotografischen Laufbahn. Die eindringliche Street Photography gewinnt in der zeitgenössischen Montage eine zusätzliche Ebene: Kontraste werden zugespitzt, politische Lesarten eröffnet und die Betrachtenden auf ihr eigenes Rezeptionsverhalten im Spiegel gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen verwiesen.
Seit den 1960er-Jahren richtet Rautert den Blick weniger auf das expressive Einzelbild als auf analytische und konzeptuelle Bildzusammenhänge. In den 1970er- und 1980er-Jahren arbeitete er als Fotojournalist für Magazine wie Geo, Stern und das Zeit-Magazin. Es entstanden umfangreiche Serien über soziale Wirklichkeiten: Arbeitswelten der Industrie, urbane Milieus, marginalisierte Gruppen sowie internationale Ereignisse wie die Weltausstellung in Osaka oder den Internationalen Vietnamkongress im Audimax der TU Berlin mit Rudi Dutschke am Rednerpult.
In seinen Serien über Fabriken und moderne Arbeitsprozesse thematisiert Rautert die zunehmende Abwesenheit des Menschen in technologisierten Umgebungen.
DAS PARADOX ALLER REZEPTION
Mit seiner jüngsten, stark autobiografisch geprägten Ausstellung anlässlich seines 85. Geburtstags richtet Rautert den Blick erneut auf die Fotografie – weniger als Instrument der Weltbeschreibung denn als Medium der Wirklichkeitskonstruktion. Ausgangspunkt ist ein Gedanke des Philosophen Hans Blumenberg: „Es ist das Paradox aller Rezeption, daß der nichts erfährt, der noch nichts erfahren hat.“ Dieses Zitat aus dem Essay Matthäuspassion verweist auf die zentralen Themen der Ausstellung: Kunst, Erinnerung und das menschliche Leben vor dem Hintergrund seiner Endlichkeit. Nicht die Frage, was ein Bild zeigt, steht im Mittelpunkt, sondern welche Welt es zu erschließen vermag. Bilder werden – wie Erfahrungen überhaupt – erst vor dem Hintergrund anderer Bilder und Erfahrungen lesbar. Es geht daher nicht um einen elitären Begriff von Bildung, sondern um die Einsicht, dass jede Erfahrung zum Medium wird, durch das spätere Erfahrungen überhaupt erst möglich werden.
Rautert interessiert sich dabei für kulturelle Bildmuster und Metaphern, die unser Denken strukturieren. In einem Selbstporträt zeigt er sich mit medizinischen Apparaturen und Schläuchen vor dem Spiegel – den Oberkörper entblößt und verletzlich. Das Bild verbindet die persönliche Erfahrung mit der Ikonografie der Passion. Kaum je zuvor hat sich der Fotograf, der seinem Gegenstand meist mit analytischer Distanz begegnet, so unmittelbar selbst zum Thema gemacht.
TWO RABBITS TALKING WITH A ROBOT
Auf Stapeln von Auktionskatalogen arrangiert Rautert persönliche Erinnerungsstücke. Die Installation Zwei Hasen, die mit einem Roboter sprechen versammelt Porzellanhasen, einen frühen japanischen Roboter, einen Putto, eine Igel-Spardose und eine Figur des Schmerzensmanns. Der Wert dieser Objekte bemisst sich nicht nach Marktpreisen, sondern nach der individuellen Lebensgeschichte ihres Sammlers.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei eine Fotografie von Heinrich Riebesehl, der zeitgleich mit Rautert Schüler von Otto Steinert an der Folkwangschule war. Das Bild, in der Ausstellung selbst nicht zu sehen, bildet den gedanklichen Resonanzraum der Installation. Es zeigt Joseph Beuys nach seiner Aktion Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt! (1965) in der Galerie Schmela: erschöpft sitzend, den Hasen im Arm, Blut läuft ihm nach einem tätlichen Angriff aus der Nase. Eine Fotografie, die Rautert – im Sinne Hans Blumenbergs – eine Welt erschlossen hat. Die imaginäre Konversation zwischen den Hasen und einem der ersten japanischen Robotermodellen erscheint so als Allegorie eines Dialogs zwischen kulturellem Gedächtnis und künstlicher Intelligenz – und als Reflexion über die Bedingungen menschlichen Verstehens.
Ganze Wände sind mit Grußkarten versehen, die der Künstler und seine Frau, Ute Eskildsen, selbst zu Weihnacht und zum Jahreswechsels erhalten haben. Sie bilden in ihrer Beliebigkeit das visuelle Rauschen unserer Zeit und doch einen sehr persönlichen Horizont. Auf diesem Patchwork von Postkarten platziert Rautert Fotografien hochdotierter Gemälderückseiten von Monet über Basquiat zu Gerhard Richter. Indem das „Wesentliche“ in den Hintergrund tritt, gibt die Fotografie den Blick auf den Material- und Warencharakter des jeweiligen Gemäldes frei und befragt – wie schon seit Erfindung – ihr Verhältnis zur Malerei. In dienender Funktion hält die Fotografie auch den Kunstmarkt am Laufen, liefert Material, Indizien und Beweise. Und doch ist die Fotografie in dieser Serie montiert auf Grußkarten Magd und Herrin zugleich. In ihrer Abkehr vom Abbild ist sie selbst zur Kunst und zum Marktwert geworden.
TEXT VON DR. BIRGIT KULMER, PARROTTA CONTEMPORARY ART
*** English version ***
TIMM RAUTERT
SOONER OR LATER
There are two occasions to congratulate the photographer Timm Rautert these days. With this exhibition, Galerie Parrotta Contemporary Art celebrates the artist’s 85th birthday at Burg Lede. In addition, on 24 October, during the exhibition period, Timm Rautert will be awarded the Cultural Prize of the German Photographic Society (DGPh) for his life’s work. The Cultural Prize is the DGPh’s highest honor. It has been awarded annually since 1958 to individuals who have made outstanding contributions to photography. With this award, the DGPh honors “a body of work that combines documentary precision with conceptual depth, and a personality who has decisively shaped German photography for decades — through his photographic œuvre, his journalistic work, and his teaching as a professor of photography.”
On the occasion of his 85th birthday, a deeply personal exhibition of the artist’s work is on view at Burg Lede in Bonn from 12 September to 14 November 2026. Timm Rautert (b. 1941) is among the most defining German photographers of his generation. His work moves at the intersection of documentary photography, conceptual art, and image analysis, and has left a lasting mark on photography as an artistic medium. In the exhibition, he combines early black-and-white images from the 1960s with new, autobiographically inflected works, reflecting on memory and the role of images within the process of constructing reality. Photographs and installations enter into a dialogue between personal memory, art history, and contemporary society.
SOME PICTURES FROM MY NOTEBOOK
Analog black-and-white photographs from 1960s New York collide in hard cuts. Under the laconic title Some Pictures from my Notebook, Timm Rautert looks back, from a distance, on the beginning of his photographic career. In this contemporary montage, the penetrating street photography gains an additional layer: contrasts are sharpened, political readings are opened up, and viewers are directed toward their own patterns of reception, mirrored in current social developments.
Since the 1960s, Rautert has focused less on the expressive single image than on analytical and conceptual image relationships. In the 1970s and 1980s, he worked as a photojournalist for magazines such as Geo, Stern, and Zeit-Magazin. This produced extensive series on social realities: industrial working worlds, urban milieus, marginalized groups, as well as international events such as the World Expo in Osaka or the International Vietnam Congress in the Audimax of TU Berlin, with Rudi Dutschke at the podium.
In his series on factories and modern work processes, Rautert addresses the increasing absence of the human figure in technologized environments.
THE PARADOX OF ALL RECEPTION
With his most recent, strongly autobiographical exhibition on the occasion of his 85th birthday, Rautert once again turns his attention to photography — less as an instrument for describing the world than as a medium for constructing reality. His point of departure is a thought by the philosopher Hans Blumenberg: “It is the paradox of all reception that he who has not yet experienced anything, experiences nothing.” This quotation, from the essay Matthäuspassion, points to the exhibition’s central themes: art, memory, and human life against the backdrop of its finitude. The focus is not on what an image shows, but on what world it is able to open up. Like experience itself, images only become legible against the background of other images and experiences. This is not, therefore, a matter of an elitist notion of education, but rather the insight that every experience becomes a medium through which later experiences become possible in the first place.
Rautert is interested here in cultural image patterns and metaphors that structure our thinking. In one self-portrait, he shows himself in front of a mirror with medical apparatus and tubes — bare-chested and vulnerable. The image links personal experience with the iconography of the Passion. Rarely before has the photographer, who usually approaches his subjects with analytical distance, made himself so directly the subject of his own work.
TWO RABBITS TALKING WITH A ROBOT
On stacks of auction catalogues, Rautert arranges personal keepsakes. The installation Two Rabbits Talking with a Robotbrings together porcelain rabbits, an early Japanese robot, a putto, a hedgehog piggy bank, and a figure of the Man of Sorrows. The value of these objects is measured not by market price, but by the individual life story of their collector.
A key role is played here by a photograph by Heinrich Riebesehl, who studied alongside Rautert under Otto Steinert at the Folkwangschule. The image, not shown in the exhibition itself, forms the conceptual resonance chamber of the installation. It shows Joseph Beuys after his action How to Explain Pictures to a Dead Hare (1965) at Galerie Schmela: sitting exhausted, the hare in his arms, blood running from his nose after a physical attack. It is a photograph that — in Blumenberg’s sense — opened up a world for Rautert. The imagined conversation between the rabbits and one of the first Japanese robot models thus appears as an allegory of a dialogue between cultural memory and artificial intelligence — and as a reflection on the conditions of human understanding.
Entire walls are covered with greeting cards that the artist and his wife, Ute Eskildsen, have received at Christmas and New Year over the years. In their randomness, they form the visual noise of our time, and yet also a very personal horizon. On this patchwork of postcards, Rautert places photographs of the backs of highly valued paintings, from Monet to Basquiat to Gerhard Richter. As the “essential” recedes into the background, photography opens up a view of the material and commodity character of each painting, questioning — as it has since its invention — its relationship to painting. In its serving function, photography also keeps the art market running, supplying material, evidence, and proof. And yet, in this series mounted on greeting cards, photography is both maidservant and mistress at once. In turning away from the image it depicts, it has itself become art — and market value. Text Dr. Birgit Kulmer, Parrotta Contemporary Art. Translated by Claude.